»Krieg darf um Gottes Willen nicht sein«

Bettina Röder 07.06.2015
»Weiter, weiter«, rufen die Menschen. Glocken läuten. Dann bricht Jubel aus. Sie ist nämlich zustande gekommen, die zwei Kilometer lange Menschenkette gegen zwei US-amerikanische Einsatzzentralen, die von Stuttgart aus ihre Drohneneinsätze im Irak, in Libyen und in anderen Ländern Afrikas steuern. Dafür haben sich viele Menschen während des Kirchentags engagiert. »Nie wieder darf von Deutschland ein Krieg ausgehen«, steht auf Plakaten. Und: »Niemand hat Euch fürs Kriegführen gewählt«
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Die Menschenkette startete am Zentrum Frieden

Diesen Satz hat der 59-jährige Grafiker Uli Stübler auf sein Plakat geschrieben. Was in Stuttgart passiere, sei eine Schade, sagt er. Auch der 17-jährige Schüler Laszlo Sandig mit Schirmmütze und schwarzem Hemd hat sich eingereiht. »Toll, dass so viele Menschen mitmachen und dass ich ein kleiner Teil dieser Kette sein darf«, freut er sich. Dann wird er nachdenklich. »Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der man mit Krieg wenig in Berührung kommt.« Dafür seien andere Menschen an anderen Orten dieser Welt umso heftiger betroffen. Und schon deshalb sei es wichtig, dass es auf diesem Kirchentag ein Zentrum Frieden gebe.

Das allerdings wird zum ersten Mal seit langem nicht mehr vom Kirchentag verantwortet. Denn die Kirchentagsleitung hatte es abgelehnt, ein eigenes Zentrum in ihr Programm aufzunehmen. Das Thema Frieden sei auf dem Stuttgarter Treffen ausreichend vertreten, hieß es. Zehn deutsche Friedensorganisationen von Ohne Rüstung leben bis hin zum Versöhnungsbund sahen das anders. Sie organisierten ein eigenes Friedenszentrum, an dem sich 37 Friedensorganisationen mit rund sechzig Veranstaltungen und täglich etwa fünfhundert Besuchern beteiligten. Eine erstaunlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass das Zentrum im offiziellen Programm des Kirchentages gar nicht auftauchte. Die Friedensgemeinde der Stadt hatte den Organisatoren ihre Räume zur Verfügung gestellt. An langen Holztischen unter Kastanienbäumen saßen während aller Tage Besucher des Zentrums, oft in intensive Gespräche vertieft; andere beteiligten sich an Workshops und Diskussionen.
Und alles war hier ein wenig anders als auf dem offiziellen Kirchentag: Es gab kein Papphocker, auf denen die Besucher in überfüllten Sälen den Promis zuhörten und dann auf Zettel notierte Fragen einreichen durften. Nein, hier fand ein Dialog auf Augenhöhe statt – kontrovers, mit pazifistischen wie pro-militärischen Positionen, etwa bei der Diskussion über die Einführung einer Friedenssteuer oder den Einsatz junger Freiwilliger in den Krisengebieten Israels, Palästinas und der Ukraine.
Erinnert wurde auch an den waffenlosen Einsatz der DDR-Bausoldaten. »Wichtig war uns die dialogische Offenheit, auch schwierige Punkt auszuhalten, sich nicht zu zensieren in beide Richtungen«, sagt rückblickend Jan Stehn, der 57-jährige gelernte Altenpfleger aus Caputh bei Potsdam, der hier für Organisatorisches zuständig war. 20.000 Euro hatten die Veranstalter dafür zusammengelegt, dass das Zentrum entstehen konnte. Jan Stehn erinnert sich: »Bis zuletzt haben wir gezittert, ob überhaupt jemand kommt.« Und: »Der Kirchentag ist ein so riesiger Apparat. Aber für uns war kein Platz vorgesehen.« Den besetzten die Friedensorganisationen aus der Not heraus einfach selbst. Ihre Botschaft war unbequem, aber nicht zu überhören: »Krieg darf um Gottes Willen nicht sein.«
Bettina Röder leitet das Berliner Büro von Publik-Forum. Dass das »Zentrum Frieden« in Stuttgart regen Zulauf hatte, überraschte und freute sie: »Das war nicht selbstverständlich, denn keine der Veranstaltungen dort stand im offiziellen Kirchentagsprogramm.«

Dieser Text stammt von der Webseite http://www.publik-forum.de/Religion-Kirchen/krieg-darf-um-gottes-willen-nicht-sein des Internetauftritts von Publik-Forum