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Gewaltfrei aktiv in Konflikten in aller Welt

Warum wir als badische Landeskirche beim Zentrum Frieden engagiert sind – Interview mit Oberkirchenrätin Karen Hinrichs

Gemeinsam mit 37 weiteren Friedensorganisationen engagiert sich die badische Landeskirche während des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags im Zentrum Frieden. Kriegsdienstverweigerer aus aller Welt berichten dort genauso wie Menschen aus Palästina über ihren Alltag. Wer will, kann von christlicher, jüdischer und islamischer Friedensethik lernen oder am „Schnupper-Aktionstraining“ für gewaltfreien Widerstand teilnehmen. Am Samstag, 6. Juni, um fünf vor zwölf sind die Teilnehmenden des Kirchentags eingeladen unter dem Motto „Den Krieg aus Stuttgart stoppen“ eine Menschenkette vom Zentrum Frieden bis zum Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus zu bilden (www.friedenskette2015.de).  

Im folgenden Interview erläutert die in der Friedensarbeit engagierte badische Oberkirchenrätin Karen Hinrichs Ziele und Angebote im Zentrum Frieden. Sie selbst leitete am Eröffnungstag eine Podiumsdiskussion zur Friedensethik in Zeiten von Militäreinsätzen und Kriegen.

Warum ist gerade die badische Landeskirche im Zentrum Frieden besonders aktiv?
Hinrichs: Die Arbeitsstelle Frieden hat viel Erfahrung mit friedenspädagogischen Themen, zum Beispiel durch das Angebot „Jugendliche werden Friedensstifter“ und durch den Freiwilligen Ökumenischen Friedensdienst im Ausland. Außerdem hat das badische Diskussionspapier zur Friedensethik, „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ auch in anderen Kirchen die Diskussion um Krieg und Frieden wieder neu belebt.

Warum braucht das Thema Frieden ein eigenes Zentrum?
Hinrichs: So ist alles an einem Ort zu finden! Es geht ja um viele Themen: So gibt es Bibelarbeiten und Workshops zu theologischen Fragen, zum Beispiel zur Bergpredigt. Es geht um interreligiöse und internationale Friedensarbeit, um jüdische, muslimische und christliche Friedensethik. Und es geht um Zivilcourage, also gewaltfreies Eingreifen auf der Straße oder in der Schule. In anderen Workshops wird die Situation von Kriegsdienstverweigerern in verschiedenen Ländern dargestellt oder über erfolgreiche gewaltfreie Aktionen und Aufstände in Diktaturen und Bürgerkriegen berichtet. Gäste und Freiwillige aus mehreren Ländern geben ihre Erfahrungen weiter, das ist sicher sehr spannend.

Werden auch schwierige politische Themen angesprochen wie der Ukraine-Konflikt oder der IS?
Hinrichs: Es wird in den Diskussionen sicher nichts ausgespart. Niemand kann ja die Augen davor verschließen, dass weltweit immer mehr militärische Auseinandersetzungen und Kriege um Rohstoffe, um Macht und Transportwege geführt werden. Diktaturen und Terror, die Verletzung der Menschenrechte, Möglichkeiten des Schutzes der Zivilbevölkerung werden ebenso angesprochen wie Rüstungsexporte und Atomwaffen. Es geht beim Thema Frieden fast immer um globale Zusammenhänge, um Gerechtigkeit und Weltwirtschaft, das Klima und die Bewahrung der Schöpfung. Über 30 Friedensorganisationen wie der Internationale Versöhnungsbund oder die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden präsentieren dazu ihren reichen Schatz an Wissen und Erfahrungen.

Karen_1Oberkirchenrätin Karen Hinrichs ist in der badischen Landeskirche verantwortlich für Grundsatzplanung und Öffentlichkeitsarbeit

Iphigenie: wie eine Frau Männergewalt überwindet

Frauen werden, wenn überhaupt, in der Kriegsberichterstattung meist als Opfer wahrgenommen: Hunger, Vergewaltigung, Vertreibung, Tod – Frauen und Kinder sind die zivilen Opfer männlichen Kriegswahns. Aber Frauen sind nicht nur Opfer – sie können auch eine wichtige Kraft sein, um Krieg zu beenden und Frieden zu entwickeln. In der Resolution 1325 hat der Uno-Sicherheitsrat zum Beginn des 21. Jahrhunderts erklärt, dass Frauen fortan in Krisen und Konflikten als Friedensmanagerinnen gefragt und zu fördern sind.

Das hat übrigens schon Goethe vor mehr als 230 Jahren begriffen und in ‚Iphigenie auf Tauris‚ rückgreifend auf griechische Mythologie erzählt:

Fangen wir mit der kriegerischen Vorgeschichte an: Die schöne griechische Helena war den Reizen des nicht weniger attraktiven Paris erlegen und war diesem ihrem griechischen Ehemann untreu werdend nach Troja gefolgt. Anlass für die gekränkten Griechen dieser machtvollen Stadt, die obendrein den wichtigen Handels- und Seeweg am Hellespont kontrollierte, den Krieg zu erklären. Nicht alle griechischen Helden wollten allerdings der Kriegsbegeisterung folgen: Odysseus etwa verstellte sich als schwachsinnig als die Kriegswerber kamen, Achill verkleidet sich als junges Mädchen – nützte aber alles nichts.(vielleicht hätten ihnen ein Besuch unserer Veranstaltung “Ich kann nicht mehr!”
Kriegsdienstverweigerung von Soldaten weiter geholfen).

Trotzdem: der Kriegswind ist den Griechen nicht hold, die Schiffe dümpeln in einer Flaute. Da kommt die Idee auf, der griechische Kriegsherr Agamemnon müsse für das Kriegsglück seine Tochter Iphigenie opfern – gegen diese brutale patriachale Kultur stellt sich die Göttin Artemis, die Schutzgöttin von Frauen und Kindern, eine Göttin, die mit Nymphen durch die Wälder zieht und Männern aus dem Weg geht. Sie rettet Iphigenie und ermöglicht ihr die Flucht in das ferne Tauris auf der Krim, und hier beginnt Goethe mit seiner Geschichte.

Iphighenie gelingt, als Fremde und von außen Kommende, auf Tauris einen tiefgreifenden menschlichen und kulturellen Wandel in Ganz zu setzen. Die Taurer lösen sich von ihrer barbarischen Sitte alle Fremden zu erschlagen und entdecken den Wert der Gastfreundschaft. In Iphigenie Brust schlagen wie bei vielen Flüchtlingen zwei Herzen: Dankbarkeit für die Rettung und die Anerkennung, die sie als Artemispriesterin auf Tauris erfährt, und Sehnsucht nach der alten Heimat.

In ihrer Heimat allerdings hat der Krieg zu einer Kette von familiären Gewalttaten geführt. Agamemnons Frau, entsetzt von der vermuteten Opferung ihrer Tochter für den Krieg, hat sich während der zehn Kriegsjahre anderweitig verliebt und ermordet ihren Mann als dieser dann doch wieder heimkehrt. Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, als ihr Sohn Orest, um seinen Vater zu rächen, dann wiederum sie tötet. Traumatisiert peinigen Orest schreckliche Gewissensbisse und Schuldgefühle und treiben ihn durch Welt und jegliche Lebensfreude ist ihm abhanden gekommen.

Durch eine falsch verstandene Prophezeihungen kommen Orest und seine Gefährten nach Tauris, wo Orest zu seiner großen Überraschung seine für tot geglaubte Schwester Iphigenie trifft. Sowohl der Taurische König als auch Orest und sein Freund planen Böses: Der eine will im Rückgriff auf die alte Tradition die griechischen Fremden opfern, während Orest glaubt, sein Seelenheil wiederzuerlangen, wenn er die dortige Artemis-Statue stiehlt und zusammen mit seiner Schwester flieht.

Iphigenie unternimmt in dieser Situation einen unglaublich mutigen Schritt, sie offenbart mit allem Risiko dem König die Wahrheit über die Herkunft und Pläne ihres Bruders und setzt ganz auf die Kraft der Wahrhaftigkeit und des Dialoges. Tatsächlich gelingt ihr die Situation aufzuklären und die Männer, die immer wieder kurz davor sind, die Angelegenheit mit dem Schwert klären zu wollen, für eine Win-Win-Lösung zu gewinnen. So schafft Iphigenie die Spirale und den Fluch der Gewalt, die ihre Familie über viele Generationen verfolgte und traumatisierte, zu durchbrechen.

Übrigens: Auch in Liberia waren die Frauen der entscheidene Machtfaktor zum Frieden, Kommt zu unserer Filmvorführung: Zur Hölle mit dem Teufel – Frauen für ein freies Liberia Freitag abend um 19:30 Uhr im Zentrum Frieden.

Militärgottesdienst auf dem Kirchentag – und Protest dagegen

2015-06-04 MillGd Stgt-a    Militärgottesdienst auf dem Kirchentag, Stuttgart-Mitte, am Donnerstag 4.6.2015 um 16 Uhr, mit Militärbischof Sigurd Rink und dem Heeresmusikkorps 10 aus Ulm.
rk-dMit solchen Gottesdiensten unterstützt und bestärkt die Kirche das Militär. Hier macht sich die Kirche mit schuldig an den Kriegen (Auslandseinsätzen) der Bundeswehr. Jesus Christus, unsere gewaltfreier Herr, hätte sich im Grabe umgedreht, wenn er das wüsste (und wenn er noch im Grab liegen würde).
Gegen den Militärgottesdienst auf dem Kirchentag protestieren wir ab 15 Uhr vor St.Eberhard, Königsstraße (100 Meter vom Schlossplatz Rtg Bahnhof). Kommt alle!
Gesegnete Unruhe!
MichaelTurmgockel

DESMOND TUTU – offener Brief an den Kirchentag

Friedensnobelpreisträger Tutu ruft

Christinnen und Christen in Deutschland

in einem Offenem Brief an den Kirchentag

zu Solidarität mit Palästina auf

„Bitte schließt euch der ökumenischen Kairos-Bewegung an und fordert öffentlich und solidarisch Freiheit für Palästina, damit auch Israel frei sein kann“ – so schließt Desmond Tutu, emeritierter anglikanischer Erzbischof von Kapstadt und Träger des Friedensnobelpreises, seinen Offenen Brief an den Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentages, den Vorsitzenden des Rates der EKD, und an den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Das habe nichts mit Antisemitismus zu tun. „Macht Geschäfte mit Juden, organisiert etwas mit ihnen, liebt sie. Aber unterstützt nicht die Maschinerie eines Apartheidstaates – nicht militärisch, nicht wirtschaftlich, nicht politisch.“ Die Verhältnisse im Heiligen Land seien total anormal, und deshalb könne man dort keine normalen Geschäfte machen. Worte der Besorgnis reichten nicht, heißt es in dem Brief. Es bedürfe vielmehr „mutiger und kreativer Initiativen“. Dazu zählt Tutu ausdrücklich Boykott, Desinvestment und Sanktionen, (abgekürzt BDS) als angemessene Formen gewaltlosen und kreativen Widerstands „bis die illegale israelische Besatzung überwunden ist“. Es sei Aufgabe der Christen, ihre Regierungen dazu zu drängen. Tutu bezieht sich auf das Kairospapier der palästinensischen Christen, in dem die Kirchen der Welt dringend gebeten werden, sich politisch entschieden für die Rechte der Palästinenser einzusetzen. Er hebt hervor, dass Richard von Weizsäcker, ehemaliger Kirchentags- und Bundespräsident, einen Brief mit unterschrieben hat, in dem Elder Statesmen die EU zu realen Schritten aufforderten.

Finden Sie zur näheren Information hier den Wortlaut des Offenen Briefes im Original und in deutscher Übersetzung sowie die Pressemitteilung vom 8.5.2015 des von Kairos Europa koordinierten Kairos Palästina-Solidaritätsnetzes.

Beim Zentrum Frieden greifen wir die Situation in Israel / Palästina in Leben unter der Besatzung in Palästina auf.

Viele spannende Veranstaltungen gibt es auch beim Thementag „Gerechtigkeit schafft Frieden in Israel und Palästina“ im Rupert-Mayer-Haus.

Franz Alt zum Kirchentag: ‚Nicht radikal genug‘

Franz Alt

„Franz Alt Anti-Atom-Menschenkette 2011-03-12“ von © Rolf Krahl / CC BY-SA 3.0 DE

In der Wochenzeitung ‚kontext‚ setzt sich Franz Alt (Jahrgang1938) kritisch mit dem aktuellen Kirchentag auseinander:

Ein Kirchentag habe dann Sinn, wenn sein Programm möglichst nahe an der Botschaft des Nazareners sei.  Alt fordert den Bezug auf die Bergpredigt: „Hier spricht der Pazifist Jesus, der soziale Jesus und der ökologische Jesus.“ Alt fragt: Wie spiegeln sich die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung im Stuttgarter Programm wieder?

Zu Jesus radikalen Friedensforderung können wir Franz Alt den Besuch von zwei Veranstaltungen im Zentrum Frieden empfehlen:

Weil der Friede zum Geist des christlichen Glaubens gehört Ein Workshop zur Christlichen Friedenstheologie

und

Die jesuanische Streitkunst für Gerechtigkeit: Bergpredigt und Gütekraft durch eigenes Erleben im Rollenspiel erarbeiten

Den ganzen Beitrag von Franz Alt gibt es hier zu lesen:

Nicht radikal genug

Margot Kässmann und Konstantin Wecker „Entrüstet Euch – für ein Menschenrecht auf Frieden“

Mit einem Ortbesuch vor den Toren der US-Kommandozentrale AFRICOM in Stuttgart-Möhringen hat der Liedermacher und überzeugte Pazifist Konstantin Wecker verschiedene Friedensaktionen anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Stuttgart (3.-7. Juni2015) angekündigt. Das AFRICOM in Stuttgart-Möhringen steuert alle militärischen Einsätze der USA in Afrika. Hier werden die Todeslisten für den Einsatz von Kampfdrohnen erstellt.
„Wir wollen diese Kommandozentrale schließen. Das, was hier passiert, ist völkerrechtswidrig und verstößt gegen das Grundgesetz. Deshalb werden wir am Kirchentag hier demonstrieren“, so Wecker.

Im Anschluss an die Menschenkette für den Frieden (Am Samstag 5 vor 12!) finden weitere Aktionen statt: Gemeinsam mit der Organisation Gesellschaft Kultur des Friedens wird der Liedermacher Konstantin Wecker am 6. Juni 2015, um 17 Uhr, eine Kundgebung vor dem US-AFRICOM durchführen und danach zu einer Konzertlesung zusammen mit der Theologin Margot Kässmann in die nahe gelegene Martinskirche in Möhringen um 20 Uhr unter dem Motto „Entrüstet Euch – für ein Menschenrecht auf Frieden“ einladen.

Kultur des Friedens

Gebet für den Frieden mit 8 Weltreligionen

Interview mit Pfarrer Wolfgang Kruse, der in der Organisationsgruppe des Kirchentages engagiert ist, im Haller Tageblatt:

Wie könnte im Jahr 2035 eine Schlagzeile über den Kirchentag lauten?

Ich kann keine Schlagzeile formulieren, das ist ja auch Ihr Job. Aber ich wünsche mir, dass die Religionen dazu beitragen, dass es mehr Frieden auf der Welt gibt. Es wird ja immer wieder das Gegenteil behauptet, Religionen werden auf fundamentalistische Strömungen reduziert. Der evangelische Kirchentag ist auch bereits ein ökumenischer Kirchentag. Es wäre schön, wenn es darüber hinaus mal einen ökumenisch ausgerichteten europäischen Kirchentag gäbe, der nicht nur Protestanten und Katholiken, sondern auch Muslime und Juden zusammenbringen würde.

Ein kleinen Schritt in diese Richtung bietet das Zentrum Frieden:

Vertreter*innen von acht Weltreligionen kommen zum gemeinsamen Friedensgebet zusammen!

PROTEST – im Zentrum Frieden

Protest-TitelseiteIm Zentrum Frieden gibt es – wie an vielen anderen Stellen während des Kirchentages – die Zeitung PROTEST zu kaufen (1,- €) – mit spannenden Inhalten und Beiträgen:

Empört Euch!
24 Zeitungs-Seiten Ermunterung, Erfahrung, Erinnerung – mit Bildern, Nachrichten, Tipps, Terminen. Und übrigens mit dem kompletten Programm vom Zentrum Frieden!

Unterstützung für das Projekt ist hier möglich.

Können Zivilisten sich in Kriegen schützen?

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Zivilbevölkerung in Kriegen und Bürgerkriegen hilfloses Opfer der Gewalt. Flucht scheint ihre einzige Überlebenshoffnung zu sein.

Oliver Kaplan , ein US-Amerikanischer Forscher, untersucht in seinen Studien wie Vernetzung und Solidarität, z.B. von Dorfgemeinschaften im Bürgerkrieg in Kolumbien, Zivilisten ermöglichen, sich vor Gewalt bewaffneter Parteien zu schützen und sich aus kriegerischen Auseinandersetzung herauszuhalten: Nudging Armed Groups: How Civilians Transmit Norms of Protection

Tatsächlich hat die Zivilgesellschaft vor Ort nicht gering zu schätzende Möglichkeiten Einfluss zu nehmen auf kriegerische Konfliktverläufe: In bewaffneten Gruppen gibt es neben den Hardlinern auch moderate oder verunsicherte Akteure, die beeinflusst werden können. Kaplan weist auch auf Beispiele für zivilen Widerstand in Syrien und Irak hin: Civilian Nonviolent Resistance to ISIS

Beim Zentrum Frieden stellen wir in etlichen Veranstaltungen die Möglichkeiten von zivilgesellschaftlicher Selbstbehauptung in Kriegs- und Gewaltsituationen vor und zur Dislussion:

Empfehlen möchten wir euch auch unsere Ausstellungen zu diesem Thema: