„Was heißt Befreiung – heute und perspektivisch?“

Ein Bericht zu der Veranstaltung Was heißt Befreiung – heute und perspektivisch? im Zentrum Frieden

Anlässlich des DEKT 2015 in Stuttgart trafen sich am 06.06.2015 im temporären
„Zentrum Frieden“ ReferentInnen, die schon an der Ökumenischen Versammlung
2014 in Mainz mitgewirkt hatten, sowie am Thema Interessierte zur Diskussion
über eine notwendige „Große Transformation“. Wie der Veranstaltungstitel
ankündigte, sollte es namentlich um Befreiung gehen, die auf dem Weg einer
solchen Transformation zu erreichen ist. Unter der Moderation von Peter
Schönhöffer brachten Ulrich Duchrow, Beat Dietschy, Klaus Schilder, Meehyun
Chung, Harald Bender und Christoph Albrecht ihre Impulse ein, die im Folgenden
skizziert werden.
Ulrich Duchrow, Theologe und Mitbegründer von Kairos Europa, gab zu Beginn
seine Einschätzung zum Stand des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit,
Frieden und Schöpfungsbewahrung (GFS). Dieser hat auf der Vollversammlung
des ÖRK in Busan / Korea im Herbst 2013 einen neuen Anstoß bekommen. Auf
Busan folgte die deutschsprachige Ökumenische Versammlung in Mainz Anfang
Mai 2014 – mit der aus ihr hervorgegangenen „Mainzer Botschaft“ -, die somit als
eine der ersten Stationen des in Busan ausgerufenen siebenjährigen Pilgerwegs
für Gerechtigkeit und Frieden zu sehen ist.
Duchrow stellte heraus, dass die Dokumente von Busan 2013 zusammen mit dem
zeitgleich erschienenen Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus
eine reife Frucht der ökumenischen Entwicklung sind, hinter die zurückzugehen
schwerfallen wird.
Kernaussage beider Positionen ist: „Diese Wirtschaft / Zivilisation tötet!“ Zu einer
solchen Wirtschaftsweise sagen die Kirchen jetzt umfassend nein. Ulrich Duchrow
wies vor allem auf den skandalösen Zustand der Geldwirtschaft hin, die
weitgehend von einer „heiligen Loyalität“ gegenüber dem Geld geprägt ist. Zur
Ablösung dieser Art von Wirtschaft gibt es kurz- und mittelfristige Strategien:
– die kurzfristige Perspektive umfasst den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen
Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung, z. B. den Kampf gegen TTIP
– die mittelfristige Perspektive besteht darin, die Paradigmen Geld, Privateigentum
und Arbeit strukturell, emotional und kulturell in Richtung eines Wirtschaftens für
das Leben zu verändern.
In diesem Zusammenhang machte Ulrich Duchrow die wichtige Anmerkung, dass
sich die Friedensbewegung leider von den beiden anderen GFS-Themen
Gerechtigkeit und Schöpfungsbewahrung abgekoppelt habe. Dies zeigt sich
daran, dass sie sich weigert, den Kapitalismus konsequent als Ursache des Übels
zentral zu thematisieren. Geld ist das Kind des Kriegs. Extraktivismus – maßloser
Raubbau an den Rohstoffen der Erde – und Imperialismus gingen und gehen in
aller Regel seit je her Hand in Hand.
Beat Dietschy, Zentralsekretär von „Brot für alle“ Schweiz, versuchte auszuloten,
was die Voraussetzungen für eine Transformation sind. Er erinnerte an die in
Busan allgemein zum Ausdruck gekommene Wertschätzung für Formen des
gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Ubuntu, Sangsaeng und Buen Vivir als
Ausdruck verwandelter Spiritualität. Sie sind Zeugnisse der Gnade, die die
Menschen befähigt, einzusehen, wann sie genug haben. Was daher notwendig ist,
ist eine Relativierung der europäischen Theologie, wobei „Verlernen sicher
schwerer ist als Lernen“.
Des weiteren ist die Option für die Armen wichtig, die Dietschy klar als
Verweigerung gegenüber den herrschenden Systemen interpretierte. Diese
Einsicht fehlt dem politischen Mainstream. Beat Dietschy erläuterte das anhand
des Mottos der jüngsten Schweizer ökumenischen Kampagne: „Weniger für uns –
genug für alle“. Dieser Vorschlag wurde von der Neuen Zürcher Zeitung allen
Ernstes postwendend mit dem Slogan beantwortet: „Mehr ist besser als wenig“…
Mittlerweile sind die planetaren Grenzen der Belastbarkeit überschritten, „die Erde
hat Fieber“. Gerade deshalb besteht die große Herausforderung in einer sozialen
Grundversorgung innerhalb besagter Grenzen. Die notwendige Transformation
muss dabei multipolar, pluralistisch und holistisch sein, „weg vom EGO zum ECO“
führen.
Beat Dietschy bekräftigte seine Sicht abschließend mit einem Zitat von Vandana
Shiva: „Nur so viel zu nehmen, wie man zum Leben braucht, ist die beste Form der
Solidarität.“
Klaus Schilder, Referent für Entwicklungsfinanzierung bei Misereor, berichtete vom
Klärungsprozess des Begriffs „Gemeinwohl“, den Misereor zur Zeit in 5 Ländern
des globalen Südens vornimmt, jeweils im Vergleich zur Bedeutung von
Gemeinwohl in Deutschland.
Ausschlaggebend sind die Einbettung des Menschen in den Naturraum, die
Rückführung der Wirtschaft auf ihre dienende Funktion und die Möglichkeit zur
Partizipation durch demokratische Rechte. Verwirklicht wird das Gemeinwohl in
Gemeinschaften und Zweckbündnissen, Grenzen verlaufen gegenüber der
Marktfreiheit und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit wirtschaftlichen
Schrumpfens.
Klaus Schilder sah sich abschließend von den Ergebnissen der Enquete-
Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Bundestags von 2013
unterstützt, die den Stopp umweltfeindlicher Investitionen und die Ergänzung der
Effizienzoptimierung durch einen Verteilungsschlüssel empfiehlt.
Meehyun Chung, Professorin an der Yonsei-Universität in Seoul, bezeichnete
vorweg die in Deutschland mittlerweile glücklich geschlossene Wunde der
politischen Teilung eines Landes, die in Korea weiterhin offenliegt, als ein
Hoffnungszeichen.
Transformation bedarf für Meehyun Chung einer Grundlage, die sich in
entwickelter Diversität, Vernetzung und Oralität äußert. Sie verwies dafür auf das
Pfingstwunder als eines der ältesten Beispiele für diesen Ansatz. Pfingsten ist ein
Sprachereignis!
Aktuell wusste sie von einer Zunahme kapitalistischer Abhängigkeitsverhältnisse
an koreanischen Universitäten zu berichten, denen sich allerdings auch ein
wachsender Studierendenprotest entgegenstellt. Durch seine Manifestation in
konkreten Schritten ist er ein Hoffnung machendes Solidaritäts- und
Empathiephänomen!
Harald Bender von der Akademie Solidarische Ökonomie machte sich an die
Klärung des Begriffs „Transformation“. Ganz wichtig: Sie ist nicht planbar, sondern
darauf angelegt, ein Teil der Entwicklung zu werden. Transformation ist ein
fortwährender Prozess der Befreiung von den negativ wirkenden Kräften. In der
Methodik knüpft sie an diesen Prozess an.
Transformation kann in der, von Ulrich Duchrow angesprochenen mittelfristigen
Perspektive ansetzen
– an einem veränderten Eigentumskonzept und dessen Verankerung in den
Verfassungen als „Hebel“
– indem Geld nicht mehr privat geschöpft wird
– indem der Arbeit der Warencharakter genommen wird.
Es ist zu beobachten, dass die Bewusstseinsbildung für eine bedarfsgesteuerte
Solidarische Marktwirtschaft weit fortgeschritten ist.
Studentenseelsorger Christoph Albrecht aus Basel nahm das zu Beginn seines
Beitrags vom Turm der Friedenskirche einsetzende abendliche Glockengeläut
zum ungezwungenen Anlass für die Mahnung „Wir wissen alle, was es geschellt
hat!“
Er vermisst weitgehend die Beteiligung der Jugend an der ökumenischen
Diskussion der Großen Transformation. Umso begrüßenswerter ist, anknüpfend an
Meehyun Chungs Erwähnung des Studierendenprotests, jede Bestätigung
vorhandener Empathie und Bereitschaft junger Menschen zum Engagement – etwa
für vegane Ernährung, gegen zu viel Flugverkehr, Googleisierung und
Bolognareglement.
Ein Freund habe ihm vor kurzem seine Verwunderung darüber zum Ausdruck
gebracht, dass die Flutkatastrophe von New Orleans als „Warnschuss“ bislang
unverstanden geblieben sei. Hier zeigte sich, vielleicht zum ersten Mal in dieser
Deutlichkeit, die „Große Deformation“, für die unsere Gesellschaften so anfällig
sind. Dieser Großen Deformation begegnen wir aktuell auch politisch im Mittleren
und Nahen Osten. Resignation hilft jedoch nicht, wir brauchen stattdessen einen
selbstreflexiven Realismus, um solidarisch Mensch zu werden.
Die anschließende Diskussion unter den ca. 30 Teilnehmenden stieß sich
mehrfach an der Rede vom „Hebel“, die den Kontext der Transformation zu
geradlinig beschreibt. Die TeilnehmerInnen wünschten sich mehr von der
Konkretisierung, wie sie sich im Studierendenprotest in Südkorea zeigt. Einen
konkreten Umsetzungsvorschlag gab es zwar mit der von mehreren Seiten
eingebrachten Anregung, eine gesetzliche Regelung des Kriegssteuerboykotts
herbeizuführen, die den Boden für diese Idee dann weiterhin bereiten werde, doch
wurde die zu starke Konzentration auf dieses Thema als Engführung empfunden.
Die Qualität der Runde wurde gelobt, eine Teilnehmerin brachte es so zum
Ausdruck: Sie habe eine halbe Stunde zuvor noch nichts von ihrer Teilnahme an
der Veranstaltung geahnt, aber „die Füße sind schlauer als der Kopf“. Was sie hier
angetroffen habe, sei das zu allen Zeiten, aber heute mehr denn je dringend
notwendige klassische Sich Sammeln von Menschen, die sich in Sorge, aber mit
sicherer Hoffnung gemeinsam an die Veränderung der Verhältnisse machen.
Insgesamt war das Treffen der ÖV 2014-ReferentInnen nach einem Jahr, mit dem
ein Arbeitsauftrag des AK „Umsetzung der Mainzer Botschaft“ eingelöst wurde,
eine konzentrierte und inspirierende Veranstaltung, und mit Sicherheit eine weitere
intensive „Arbeitsstation“ auf dem Pilgerweg von Busan.
Pforzheim, 24.06.2015
Christof Grosse